Verena Randolf – Freelance Journalistin


500 Filme und zwei eckige Augen für die österreichische Identität
30/03/2009, 22:25
Einsortiert unter: 6. Barbara Pichler, Veröffentlicht

Fast 300 Stunden verbrachte die neue Leiterin der Diagonale in Vorbereitung auf das wichtigste Filmfestival Österreichs vor der Kinoleinwand. Hier spricht Barbara Pichler über ihr Bedürfnis nach einer Filmpause, das Schlimmste, was bei ihrem Debüt passieren könnte und die Schwierigkeit sich als Frau durchzusetzen.

„Ob ich alles richtig gemacht habe?” Barbara Pichler lacht bevor sie antwortet: „Sagen wir es so, ich habe viele Dinge gemacht, die ich spannend und interessant fand und die ich nicht bereue. So gesehen habe ich wohl einiges richtig gemacht, ja.”

Die designierte Diagonale-Intendantin geht mit ihrem Erfolg entspannt um.

Dass sie momentan eine der wichtigsten Positionen der österreichischen Filmbranche innehat, ist Pichler dennoch bewusst.

Die Aufnahme eines Filmes in das Diagonale-Programm ist für viele heimische Regisseure der erste Schritt in Richtung Erfolg und „wenn man es sehr polemisch zuspitzen wollte, könnte man sagen, ich suche die Filme aus, die auf der Diagonale gezeigt werden”, so Pichler. „Ich bin im Prinzip Letztverantwortliche für die inhaltlichen Entscheidungen.” Im Prinzip. Natürlich arbeitet die Wahl-Wienerin im Team: „Sich auf 500 Einreichungen alleine zu stürzen, ohne jegliche Kommunikation und Auseinandersetzung über die Filme ist unmöglich. Unser Team ist aber relativ klein.” Genau genommen gibt es für die drei auf der Diagonale gezeigten Sparten Spielfilm, Dokumentarfilm und Experimentalfilm nur jeweils eine zuständige Person. Und die einzige, die tatsächlich alle eingereichten Filme angesehen hat, bleibt die Intendantin selbst.

Das bedeutet: Knapp 300 vor dem Bildschirm verbrachte Stunden, wenn man von einem achtstündigen Arbeitstag und einer 5-Tage-Woche ausgeht.

„Ohne jetzt jammern zu wollen, die Arbeit ist natürlich extrem intensiv und sehr, sehr anstrengend. Nach diesen sechs Wochen, wo man nichts anderes tut, als Filme zu schauen gibt es schon den Punkt, wo man sagt: So und jetzt mal kurz Pause!” Für einen Moment macht sich der Anflug  eines Kärntner Dialektes bemerkbar, als sie den Satz schmunzelnd ergänzt: „Aber mir macht das ja Spaß. Eigentlich ist das für mich auch im Privaten oft Erholung.”

Die Auswahlprozedur für das einzige nationale Filmfestival Österreichs in diesem Umfang ist aufwendig. Oft muss ein Film mehrmals angeschaut werden, „wenn man sich nicht sicher ist” und dann, so die Intendantin „gibt es wieder Filme, die springen einen an, die will man unbedingt haben.”

Ein Erfolgsrezept, wie so ein Werk, auszusehen hat, damit es genug Eigendynamik hat, um sie „anzuspringen”, gibt es nicht: „Ein Regisseur hat meine Aufmerksamkeit automatisch, sobald er einen Film bei der Diagonale abgibt.”

Und dann wird selektiert. Von ca. 500 Einreichungen schafften es dieses Jahr 100 ins Programm. „Filme abzulehnen, macht natürlich keinen Spaß, weil man weiß, dass viel Zeit, Geld und Energie in die Arbeiten gesteckt wurde, egal wie überzeugend sie im Endeffekt sind.”

Das Ziel, das die Diagonale als Festival des österreichischen Films erreichen will, ist es, die Bandbreite der heimischen Filmlandschaft darzustellen. Warum das wichtig ist?

„Ich bin überzeugt davon, dass Filme und andere Kunstproduktionen etwas zum Verständnis der Welt und der eigenen Identität beitragen”, meint Pichler. Ihr Programm kann also in gewissem Sinne helfen „Österreich-Bewusstsein” zu definieren und zu stärken.

Ein objektiver Überblick über die konsumierbarsten und bedeutsamsten Werke des inländischen Kinos soll ihre Auswahl aber nicht sein, betont die Festivalleiterin.

Ein „Best Of” in gewissem Sinn ist das Programm trotzdem, „weil ich nur Filme ausgewählt habe, von denen ich überzeugt bin und von denen ich glaube, dass es Sinn macht, sie zur Diskussion zu stellen.”

Der Diskurs, der traditionell rund um die in Graz stattfindende Veranstaltung, geführt wird, ist der gebürtigen Tirolerin ein besonderes Anliegen. Das Beste, sagt sie, das ihr im Hinblick auf ihre erste Diagonale passieren kann, ist ein ordentlich stattfindender, konstruktiver Dialog zum Programm. Das Schlimmste hingegen „Wurschtigkeit” von Seiten des Publikums.

Nachdenklich spielt die 40-Jährige mit ihren unauffälligen, blauen Ohrringen. „Wenn die Leute sagen würden: »Die Auswahl interessiert uns nicht« und dadurch keine Gespräche über das Programm entstehen würden, das fände ich am schlimmsten. Schlimmer als Kritik.”

An Kritik ist Pichler gewohnt. Bereits im Vorfeld musste sie sich immer wieder Vorwürfe gefallen lassen. Wiederholt wurde ihre Entscheidung bemängelt, den deutschen Regisseur Stefan Krohmer als Spezialgast auf das einzige Festival Österreichs einzuladen, bei dem – laut Kritikern – ausschließlich inländische Produktionen zu sehen sein sollten.

Auch das Tribut, das der Allround-Künstlerin Mara Mattuschka im Rahmen der Personale entgegengebracht wird, sorgte für Widerstand aus Kritikerreihen. Warum sollte einer Künstlerin, die sich nicht vorrangig mit Filmen beschäftigt, ein so wichtiger Aspekt des Festivals zuerkannt werden?

„Ich wollte die Personale einer Frau widmen, weil Frauen oft zu kurz kommen in dieser Branche. Und Mattuschka ist eine konstante Figur in der österreichischen Film- und Kunstszene, der nie eine Huldigung zuteil wurde.”

Die nach wie vor existierende Geschlechterdifferenzierung, davon ist Pichler überzeugt, macht auch vor der Kulturbranche nicht halt. „Es gibt immer noch sehr viel weniger weibliche Regisseurinnen und Produzentinnen, die große Filme machen.” Auch ihr Werdegang hätte anders ausgesehen, wäre sie als Mann zur Welt gekommen:

„Ich hätte es leichter gehabt. Ich glaube einfach, dass Frauen immer noch ein bisschen mehr arbeiten müssen als Männer, um an den gleichen Punkt zu kommen.”

In knapp zwei Wochen gibt die neue Leiterin des Festivals ihr Debüt. Nervosität und Aufregung steigen, je näher die Eröffnung der Diagonale am 17. März kommt. „Aber es ist gleichzeitig auch eine Anspannung, ob alles gut geht, ob das Programm ankommt und natürlich auch Vorfreude, weil man endlich präsentieren kann, woran man im vergangenen Jahr gearbeitet hat. “

Dass Pichler, die momentan in Wien wohnt, aber in Tirol zur Welt gekommen und in Kärnten aufgewachsen ist, im letzten Jahr aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit nur wenig Freizeit hatte, ist ihr nicht anzusehen. Gut gelaunt stellt sie fest, dass berufliche Herausforderungen in einem gewissen Alter durchaus ihre Vorteile haben: „Ich bin inzwischen schon fast ein Jahr 40 und habe so viel zu tun gehabt, dass ich keine Zeit hatte darüber nachzudenken! Die Dinge, mit denen ich beschäftigt war, waren so viel interessanter, als mir zu überlegen, ob mein 40er ein Problem ist.”

© Verena Randolf


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