Verena Randolf – Freelance Journalistin


“Ich will mit allem Respekt respektlos sein”
30/06/2009, 22:28
Einsortiert unter: 7. Mara Mattuschka, Veröffentlicht

Die bulgarische Allround-Künstlerin Mara Mattuschka wird auf der diesjährigen Diagonale besonders geehrt: Ihr filmisches Schaffen steht im Mittelpunkt des Festivals. Hier verrät die selbsternannte „Erfinderin der Harmlosigkeit” warum sie in Wien – einer „Insel der Seeligen” – körperlich attackiert wurde, was sie von Auszeichnungen hält und wieso sie typisch wienerisch  ist.

Wieso der knallrote Nagellack an ihren kurzen Fingernägeln abgesplittert ist, erklärt sich bereits nach wenigen Minuten: Immer wieder kletzelt die Künstlerin daran herum, so dass sich kleine rote Lackpartikel über die weiße Tischdecke verteilen. Nicht aus Nervosität, wie sie erklärt, sondern weil sie immer etwas tun muss: „Ich bin fast ein Workaholic und muss immer in Bewegung sein. Deswegen ist mir auch nie langweilig.”

Ihren Drang nach Aktivität lebt Mara Mattuschka in der Kunst aus: Sie ist Malerin, Sängerin, Performance-Künstlerin und Filmemacherin. Und nicht bescheiden stellt sie fest: „Aber ich könnte genauso  gut Schauspielerin und Schriftstellerin sein. Das Talent dazu hätte ich, aber mir fehlt die Zeit alle meine Begabungen auszuleben, deswegen nutze ich nur einen Teil davon.”

Und dieser Teil wird hauptsächlich eingesetzt, um ein Ziel zu erreichen: „Ich will versuchen die Welt aus der Sicht von Anderen zu verstehen. Ich will diese Begrenzung, die man als Individuum hat, aufbrechen und versuchen die Beweggründe Dritter zu erfassen. Dieser Aspekt ist mir am wichtigsten.”

Ihren Redefluss unterbrechend zündet sie sich eine Zigarette an, macht einen kurzen, hastigen Zug und sagt: „Ich mache mir aber nicht die Illusion, eine großartige Botschaft an die Welt zu haben, die unbedingt erhört werden muss.”

Mit ihren oft provokativen Arbeiten löst die gebürtige Bulgarin dennoch die unterschiedlichsten Reaktionen beim Publikum aus. „Ich bin in Wien sogar körperlich attackiert worden”, erzählt sie. „Das ist schon öfter vorgekommen. Man hat mich Faschistin genannt und gefragt, wie jemand wie ich Kinder in die Welt setzen kann. Wenn man jung ist und solchen Angriffen ausgesetzt wird, ist man natürlich überrascht. Man lernt aber damit umzugehen und Gott sei Dank gibt es auch viel positives Feedback.”

Dass Provokation und das Brechen von Tabus zu extremen Reaktionen führt, ist Mattuschka bewusst. Missverstanden fühlt sich die selbsternannte „Erfinderin der Harmlosigkeit” manchmal trotzdem.

Während sie erzählt, beobachtet sie ihre Umgebung ununterbrochen mit neugierigen Augen. Immer wieder fallen ihr neue Aspekte und Erläuterungen zu ihrer Arbeit ein. Es scheint, als wolle sie auch sich selbst erklären, wie ihr Arbeitsprozess von statten geht: „Was ich erlebe, während ich arbeite, ist das, was das Publikum danach in kleiner Dosis spürt. Während des Arbeitens versuche ich mich in gewisser Weise selbst herauszufordern. Nur wenn man mit einem total intensiven Gefühl ans Werk geht, kann ein Teilchen in Materie umgesetzt werden, so dass es andere auch so empfangen, wie ich es erlebt habe. Das ist irgendwie ein Transfer von Gefühl.”

Die fast 50-Jährige beugt sich vor, stellt intensiven Blickkontakt her und fährt fort: „Verstehen Sie, was ich meine? Mich reizt genau das Peinliche, leicht Unangenehme, vielleicht sogar Unsympathische, weil ich es nicht verstehe. Das wirkt sich natürlich auf meine Werke aus. Was ich versuche, ist mit allem Respekt respektlos zu sein.”

Eine klassische Preisträgerin ist Mattuschka aufgrund ihrer experimentellen und außergewöhnlichen Kunst nicht. Obwohl sie wichtige Auszeichnungen erhalten hat, ist ihre Einstellung Ehrungen gegenüber zwiegespalten: „Preise übermitteln einem oft das Gefühl, man könne bald in Pension gehen, so auf die Art: »Es reicht schon. Auf Wiedersehen!« Andererseits freue ich mich natürlich darüber. Es ist ja so: Wenn man etwas macht, woran man glaubt, will man auch, dass diese Dinge gesehen werden. So wie man seinen Kindern ein schönes, erfülltes Leben wünscht, so wünscht man sich das auch für seine Filme.”

Als die Allround-Künstlerin von der Ehrung erfuhr, die ihr auf der diesjährigen Diagonale zu Teil wird, hat sie sich gefreut. Der direkte Kontakt zwischen Publikum und Regisseur ist traditionell ein wichtiger Aspekt des österreichischen Filmfestivals und gerade der gefällt ihr: „Das liebe ich, darauf freue ich mich wirklich. Viele Kollegen beklagen sich, dass die Fragen des Publikums dumm seien, das finde ich überhaupt nicht. Es kommen immer unerwartete Sachen dabei heraus. Bei jeder Diskussion ist mir bisher aufgrund der Fragen etwas Neues eingefallen. Manchmal hilft es sehr über die eigene Arbeit zu sprechen, weil einem plötzlich Lösungen einfallen, über die man vorher lange nachgedacht hat. Ich brauche diesen Dialog.”

Das Publikum in Österreich eignet sich nicht besser oder schlechter für diese Form von Diskurs als anderswo, so die Künstlerin, die vor über 30 Jahren ihre Heimat verlassen hat, um sich in Wien als Malerin zu versuchen. Ihren Entschluss, als junges Mädchen nach Österreich auszuwandern, hat die gebürtige Bulgarin nie bereut: „In Wien kann man lange Zeit unbemerkt bleiben. Ich vergleiche die Stadt immer mit einer Insel der Seeligen oder einer Art Kloster, wo man lange vor sich hinwurschtln kann, was sehr gut ist, weil man in Ruhe gelassen wird. In den USA und in Deutschland werden Künstler eher auf ein Podest gestellt, da wird man dann nicht mehr in Frieden gelassen.”

Im Kommunismus aufgewachsen – „da war kein Platz für Träumerei” – verbringt Mattuschka Stunden in Wiener Kaffeehäusern, um zu sinnieren und zu philosophieren. „Ich bin so typisch wienerisch, wie die Kaffeehaustradition”, erklärt sie lachend in einer Mischung aus bulgarischem Akzent und breitem Wiener Dialekt. „Typischer kann man nicht sein.” Ihr Wermutstropfen: „Richtige Österreicherin werde ich trotzdem nie sein, weil ich einfach nicht hier aufgewachsen bin. Irgendwie bin ich schon Bulgarin, weil meine Wurzeln dort sind, aber ich bin vollkommen entfremdet.” Mit einer routinierten Handbewegung bringt sie ihre kurzen, schwarzen Haare in Ordnung, bevor sie ergänzt: „Daheim bin ich aber definitiv in Österreich.”

Im Mai feiert Mara Mattuschka ihren 50. Geburtstag. Wie sie sich im Hinblick auf dieses Jubiläum fühlt? „Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich feiern werde. Ich komme mir nicht vor wie 50, sondern eher, sagen wir es so, zeitlos. Wie das ewige Kind. Aber wenn ich mit 20 gesehen hätte, wie ich jetzt bin, hätte ich mir gedacht: »Boah, nicht schlecht.« Mit diesem Resultat wäre ich damals wohl ganz zufrieden gewesen.”

© Verena Randolf


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