Verena Randolf – Freelance Journalistin


Schelmischer Höllenritt mit Tiefgang
08/09/2011, 17:44
Einsortiert unter: Art Critics Award 2011

Sarah Lucas´ überdimensionierter Wichs-Griffel winkt stoisch seinen Willkommens-Gruß. Oder zum Abschied. Er steht quasi am Beginn einer Reise ins Fantastische, Unreale, Beängstigende, Komische und Provokante. Bye bye Realität, willkommen im Gruselkabinett von Lucas, Bosch und Gelatin.

Man möchte meinen: Gereist wird per Schiff. Wenn man will als Pferd.

Die Eingangsrampe der Kunsthalle Krems führt einen direkt in den Bauch des riesigen Seglers, dessen Herzstück ein enormer Holzmast ist. Zusammengestückelt, improvisiert und dennoch robust liegt er mitten im Weg. Nur ein umständliches drunter oder drüber führt daran vorbei. Links und rechts spritzt die Gischt gen Himmel…oder sind es blaue Wölkchen, die sich am Horizont abzeichnen? Platz für Interpretation findet sich hier reichlich.

Wochen vor der Ausstellungseröffnung sind Gelatin, die österreichische Künstlergruppe bestehend aus Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban, in der Kunsthalle Krems eingefallen. Gemeinsam mit der britischen Künstlerin Sarah Lucas nehmen sie in der Ausstellung “Lucas Bosch Gelatin” vor Ort die Realität auseinander und setzen sie, um eine Dimension erweitert, irgendwie wieder zusammen. Endlich mehr Platz für Exzess, Emotion und Rebellion, für zerstückelte Körperfragmente, sexuell aufgeladene Horrorszenarien und ein bisschen Restmüllverwertung.

Während man seinen Kopf in eine Blase aus geschmolzenen Altpapiertonnen steckt, kann man sich überlegen, wo die Parallelen zu Hieronymus Bosch verlaufen.

Hans-Peter Wipplinger, Direktor der Kunsthalle Krems, erklärt das Offensichtliche:

“Was Lucas, Bosch und Gelatin trotz der 500 Jahre Zeitunterschied verbindet, ist neben dem grotesk-komischen Ansatz, das Aufspüren gesellschaftlicher Heucheleien, deren Phänomen sie rotzfrech, schelmisch und dabei geistreich in einprägsame Bilder übersetzen.” Wer nun eine konkrete Gegenüberstellung „Bosch versus Lucas und Gelatin“ erwartet, wird in dieser Schau enttäuscht. So einfach haben es sich Künstler und Ausstellungskonzeptionisten nicht gemacht. Eine große Gemeinsamkeit ist jedoch augenscheinlich: Fantastische Sündenpfuhle finden sich über die Jahrhunderte hinweg. Augenzwinkernd stoßen die Arbeiten von Bosch den Betrachter in eine bunte Welt aus ekstatischem Geschlechtsverkehr, gewalttätigen Orgien und nackter Vergnügungssucht. Zu kompliziert und tiefgehend für eine klare Deutung. Ebenso augenzwinkernd agieren Gelatin und Lucas. Der Ausstellungsrundgang ist geprägt von einem großen Fragezeichen.

„Wichtig war uns bei dieser eigenwilligen Konstellation die Tatsache, dass die Sinnstrukturen der nebeneinander gezeigten Kunstwerke sowohl sinnstiftend wie auch sinnverweigernd aufgefasst werden sollten. Denn gerade in dieser Sinn-Gegensinn Strategie, scheint uns eine Annäherung an Welterfahrung, Bewusstseinsschaffung bzw. Erkenntnis durch ästhetische Formulierungen über die Epochen hinweg am ehesten gegeben,“ so Wipplinger.

Man steht und staunt und überlegt. Und obendrein muss man aufpassen, dass das Pferdchen in einem mit einem nicht durchgeht. Wobei: eigentlich nicht. Lasst sie los, die Pferde! Galoppierende Besucher in Pferdekostümen runden das Ausstellungsbild ab und dem „Wanking Arm“ wird’s wurscht sein. Der winkt stoisch zum Abschied.


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